Die einfache Antwort auf Kriminalität

16 06 2010

Foto: dpa

Die Videoaufnahmen einers Münchner U-Bahnhofs zeigen die gewalttätigen Handlungen von zwei jungen Männern, die brutal auf einen Rentner einschlagen.
Das Video ist hier zu sehen

Kurz vor den Wahlen erklärte sich Roland Koch zu einem Interview mit der BILD bereit, indem er sich auf die Gewalttaten der jungen Männer im Münchner Bahnhof bezieht. Die Veröffentlichung am 6.1.09 löste unter Kriminologen und Sozialpädagogen aber auch bei diversen Politikern eine Welle des Entsetzens aus. Auf den folgenden Seiten habe ich das Interview nach kriminologischen Gesichtspunkten analysiert. Viel Spass…! :)

BILD Interview Analyse





Europa als Einwanderungsland

30 01 2010

Vor wenigen Wochen hielt Dario Melossi, ein Kriminologe aus Italien, einen Vortrag in unserem Seminar. Sein Vortrag hat mich zu mehr Offenheit und Freundlichkeit Migranten gegenüber ermutigt.

Melossi verwies auf das Maastrichturteil von Dieter Grimm, das 1993 offengelegt wurde. Nach Grimm sei das Wesentliche von Demokratie, die Existenz von Bedingungen des Pluralismus, interne Repräsentativität, Freiheit und Raum für Kompromisslösungen zwischen den verschiedenen Parteien, Gemeinschaften, Bürgerinitiativen und Medien.

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Da es in Europa kein Parteiensystem gäbe, gäbe es auch keine europäischen sozialen Bewegungen (oder sie fingen gerade erst an, sich zu entwickeln) und es gäbe natürlich keine europäischen Massenmedien. Deshalb gäbe es keine europäische Öffentlichkeit, deshalb auch keine europäische Demokratie. Laut Grimm läge das am Fehlen einer gemeinsamen Sprache. Englisch würde auch heute noch nur von einer kleinen Einwohnergruppe beherrscht, v.a. in den südlichen Ländern. Ein europäischer demokratischer Staat sei deshalb eine Illusion – so schließt er.

Melossi macht an Grimms Statement deutlich, dass in unserer Gesellschaft eine Angst vorherrscht, einer gemeinsamen europäischen Kultur anzugehören, die sich für alle „fremd“ anfühlt. Melossi hingegen ermutigt zu einer Offenheit für einen Staat, der in der Zukunft gründet. Er ermutigt zu einem ‚neuen Europa‘, in der Weise, wie die europäischen Einwanderer eine ‚Neue Welt‘ in Amerika schufen. Verständigungsbarrieren würden dann in der Zukunft von allein verschwinden. Was hat Melossis Europa Optimismus nun mit Kriminologie zu tun?

Er beobachtet die Einwanderer der letzten 50 Jahre genauer. Diese Einwanderer seien relativ frei von nationalen Gebundenheiten. Sie könnten zum Beispiel ihre Arbeitskraft ungebunden anbieten, wo auch immer man sie braucht. Ihre Voraussetzungen würden angesichts der transnationalen Bewegungen sehr gut zu der europäischen Entwicklung passen, mehr als die Lebensart der Einheimischen. Sie können einen universalistischen Standpunkt wahrnehmen, der für eine europäische Einheit nötig ist.

Allerdings passt der Trend von Mobilität und kapitalistischen Bewegung nicht immer zu den politischen Entscheidungen der Länder, die Migranten beherbergen. Das Gesetz hält sie deshalb oft unten, grenzt sie aus und schränkt sie ein. Die Globalisierung hat zu starken Veränderungen der Marktverhältnisse geführt. Zudem hat die Wirtschaftskrise hat zu einer Panik geführt, die die Arbeitsbedingungen für die Arbeiterbevölkerung erschwert. Die Bevölkerung hat Angst ‚vor den Fremden‘. Das spiegelt sich in der steigenden Zahl von Migranten in Gefängnissen europaweit wieder. Außerdem in Kriminalstatistiken, in denen verstärkt Ausländerkriminalität aufgeführt wird. Die Migranten-Kriminalität wird stärker kontrolliert als andere Arten von Kriminalität (Kriminalität auf der Straße wird härter verfolgt als beispielsweise Kriminalität in den Büros). Kriminalität, die nur von Migranten begangen werden kann, steht im Mittelpunkt der politischen Bühne, und der Weg ins Gefängnis wird für Migranten immer breiter gemacht.

Melossi ermutigt uns dazu, den legalen Status von Migranten in Europa zu heben und uns als ‚Einwanderungsland‘ zu verstehen. Europa sollte kein Staat sein, keine Nation aber wenigstens ‚ein Land‘!

(vgl. Melossi, D. (2005) Security, Social Control, Democracy and Migration within the ‚Constitution‘ of the EU. In: European Law Journal Vol. 11 No. 1 pp. 5-21

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Warum wir strafen

15 10 2009

Ich habe ein interessantes Interview mit Nils Christie im Rheinischen Merkur entdeckt.

Nils Christie (*24.02.1928 in Oslo/ Norwegen) ist emeritierter Professor für Kriminologie an der juristischen Fakultät der Universität Oslo in Norwegen. Er gehört zu den frühen Denkern der Kritischen Kriminologie und gilt neben dem norwegischem Rechtssoziologen Thomas Mathiesen und dem Niederländer Louk Hulsman (Professor für Strafrecht und Kriminologie) als einer der bedeutendsten Theoretiker des kriminalsoziologischen Abolitionismus. (siehe Krimpedia)

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Bildquelle: Krimpedia

Die Bewegung des Abolitionismus wird schon durch den Begriff ein wenig beschrieben. Er entstand um 1770 in den USA im Zusammenhang mit der Bewegung der Abschaffung der Sklaverei. Dahinter steht eine moralische Bewegung, die für die Rechte des Individuums als Subjekt kämpft. Beispielsweise der Roman „Onkel Toms Hütte“ (1852) wird als abolitionistischer Text gedeutet. Später stand die Abschaffung der Todesstrafe unter dem abolitionistischen Begriff. In Deutschland verband man damit Ende der 20er Jahre den Auflehnungsprozess gegen die staatliche Beaufsichtigung der Prostitution. Heute nehmen Abolitionisten einige Parallelen zwischen Sklaverei und Inhaftierung wahr. Sie verdächtigen die Freiheitsstrafe als moderne Form der Sklaverei. Die Kritik an der Gefängnisstrafe soll eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Sklaverei sein. In den letzten 30 Jahren wurde der Abolitionismus als kriminalpolitische Richtung in vielen Variationen mit sehr unterschiedlichen Ansätzen vertreten. Was den Abolitionismus als kriminalpolitische Bewegung hervorhebt, ist der Anspruch, sich von der vorgegebenen strafrechtlichen Struktur zu lösen und das Strafrecht insgesamt infrage zu stellen. Er kritisiert die „Staatlichkeit des Strafrechts“ und stellt eine staats- und systemkritische Bewegung dar. Das ist charakteristisch für den Großteil der Literatur (vgl. KAISER 1987, S. 1029-1031).

Hier das Interview